“Arg nette Dame Ausgeglichen Getrunken wird daheim Lesestoff”

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 19.08.2009

Harald Beck findet nach wie vor, dass Rosé Rosé zu sein hat und Trollinger Trollinger. Kathrin Haasis freut sich über jede Fraueninitiative im Weinbau. StZ-Weinrunde Kenner trinken Württemberger, Redakteure auch. In der StZ-Weinrunde stellt der Unterländer Holger Gayer heute einen Trollinger vor, der Remstäler Harald Beck und die Stuttgarterin Kathrin Haasis haben mitprobiert.

Den Trollinger zum Rosé-Ersatz herabzuwürdigen, lieber Holger, da wäre ich aber vorsichtig, dass ich (also du) nicht irgendwann kopfüber im zweitbelegten Holzfass stecke. Die Eva im Übrigen, die würde ich auf keinen Fall von der Tischkante schubsen. Der Trollinger hat auch gekühlt so viel Kraft, dass man ihm die hellrote Farbe auf keinen Fall vorwerfen muss. Allenfalls ist die Dame Eva charakterlich etwas arg nett geraten.

Wie man aus einem Trollinger eine Tanninbombe bastelt, das möchte ich mal sehen! Abgesehen davon finde ich diese Eva auch nett, gekühlt getrunken. Sie bitzelt auf der Zunge, ist nicht zu fruchtsaftartig, wie so mancher Trollinger, sonder eher herb, schön ausgeglichen. Den Firlefanz sparen sie die Vinissima-Damen zwar, aber dafür erhitzen sie den Wein bei der Vergärung, was ich grundsätzlich ablehne.

Ich gestehe, dass ich ab und zu fremdgehe. Meine Frau toleriert das, weil sie weiß, dass es sich nur um kurze Ausflüge handelt – und diese ausschließlich in vinologischer Hinsicht erfolgen. Im Sommer zum Beispiel trinke ich von Zeit zu Zeit einen Rosé, und als aufgeschlossener Unterländer muss ich sagen, dass ich meinen persönlichen Favoriten in dieser Kategorie in Tavel gefunden habe, einen Ort an der Cäte du Rhäne, der sich selbst als Rosé-Haupstadt der Welt tituliert , was zwar großspurig klingt, aber auch nicht ganz falsch ist.

Wenn ich hierzulande nach einem Rosé suche, greife ich am liebsten zu einem Trollinger. Überzeugend finde ich zum Beispiel die Eva-Serie, die sieben engagierte Wengerterinnen aus Württemberg vor 2 Jahren zum ersten Mail aufgelegt haben. Einen Wein ohne Firlefanz wollten die Damen machen, keine Tanninbombe basteln, indem man den fürs Fass eher ungeeigneten Trollinger auch noch ins Barrique sperrt, sondern einen fruchtigen, leichten Tropfen, der bleibt, was er ist: ein bodenständiger Schwabe.

Geboren hat die Idee zu wesentlichen Teilen Christina Hengerer-Müller. Seit 1987 führt sie das Familienweingut Drautz-Hengerer, das eines der traditionsreichsten in Heilbronn ist, aber keineswegs altbacken. Das beweist die Kellermeisterin auch mit ihrer 2008er Eva, die – gut gekühlt – so jung, frisch und unbeschwert daherkommt, dass man über einen Ausflug nach Tavel nicht zwingend nachdenken muss.