Württemberger Lese-Nachhilfe für Bierfan aus Bayern

Von Toni Guggemoos

Heilbronn – Die Eisenskulptur im Hof des Heilbronner Weingutes Drautz-Hengerer ist Programm. “Sie soll Begegnung verkörpern”, erklärt Christina Hengerer-Müller, die zusammen mit ihrem Mann Jürgen Müller den elterlichen Betrieb in zweiter Generation führt. Eine Begegnung der besonderen Art ist jene, bei der ein Botschafter bayerischen Bieres auf Württemberger Wengerter trifft. Überraschend viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede tun sich einem 25-jährigen Garmisch-Partenkirchner auf: Toni Guggemoos

Gut zwei Dutzend Hände unterstützen die Wengerterfamilie bei der Lese ihrer zehn Hektar Weinberge rund um Heilbronn. “Eine Fläche so groß wie 14 Fußballfelder”, erklärt Müller dem Gast aus dem Land des deutschen Meisters. Der Helfer im Trainingsanzug lernt auch sonst jede Menge.

Auf zwei paar Strümpfe und lange Unterhosen möchte Ilona Fehrenbacher nicht verzichten. “Obwohl man in Bewegung ist, zehrt das kalte Wetter ganz schön”, bekennt die 39-Jährige. Da ergeht es den Pflückern bei der Hopfenernte im etwas kühleren Freistaat nicht anders..

Die Stöcke in dem Weinberg bei Flein tragen Spätburgunder, eine große Traube, die aufgrund ihrer Struktur äußerst resistent gegen Fäule ist, erklärt Müller in seinem Weinbau-Crash-Kurs. Emsiges Treiben herrscht zwischen den Rebzeilen – fast so wie auf dem Weg zur Wiesn. Es wird geschnitten und gelesen, gerüttelt und gezupft. Flinke Hände reichen die schweren Eimer voll reifer Früchte von Zeile zu Zeile.

Mit zu den erfahrensten Traubenlesern der zwölfköpfigen Gruppe zählt Klärle Gernheuser. Die 80-jährige Binswangerin hat schon als kleines Kind im Weinberg der Eltern mitgeholfen. Schnittwunden, Prellungen oder ein dickes Knie gehören im Herbst dazu. “Das ist normal, wenn man älter wird”, meint Klärle Gernheuser. Und trotzdem: “Die Arbeit im Wengert macht Spaß und hält jung”, verrät die rüstige Rentnerin, “auch wenn am Ende eines Tages alles bäbbt.” Man versteht sich – obwohl die Berge und Gläser im Schwäbischen etwas putziger ausfallen als am Alpenrand.

Die bayerische und die schwäbisch-fränkische Mentalität haben viele Gemeinsamkeiten. Davon ist Müller überzeugt. Wie hier achte man beim Hopfenzupfen genau auf die Qualität des Produkts, welche für den Familienbetrieb “elementares Verkaufsargument” ist. Die auch in Bayern verbreitete Meinung, der Schwabe würde seinen Wein selbst trinken, tut der Winzer als Vorurteil ab. “Unsere Kunden sitzen in Flensburg und dem Kleinwalsertal.”

Was dem Bayern sein Bier, ist dem Württemberger sein Trollinger: “Gott sei Dank haben wir diese Sorte, wir leben davon”, erklärt Christina Hengerer-Müller. Die Winzermeisterin hat mit der “Milch der Schwaben” noch viel vor. Mit neun Frauen entwickelte sie die peppige Marke “Der Trollinger”, um jungen Menschen den fruchtigen Tropfen näherzubringen.

Während der mittäglichen Vesperpause freut sich Ilona Fehrenbacher schon auf das heiße Bad nach getaner Arbeit. “Hätten wir nicht so eine tolle Truppe, wäre die Arbeit nur halb so schön.” Und spätestens bei Bratwurst und Rotweinkuchen wird noch eine weitere Gemeinsamkeit der benachbarten Kulturkreise offensichtlich: Württemberger wie Bayern schreiben Geschäftstüchtigkeit ebenso groß wie Genuss und Geselligkeit.